Hörgeräte selber einstellen

So individuell wie meine Kunden sind auch deren Klangwelten. Die Einen leben modern, umgeben von Stahl, Glas und Beton. Andere spielen auf eine Orgel oder komponieren an einem Flügel. Im Fachgeschäft lassen sich viele, aber nicht alle akustischen Situationen simulieren. 

Deshalb biete ich interessierten Kunden nach einer sorgfältigen Schulung die Möglichkeit, mittels eines Latops ihre Hörgeräte selber zuhause auf die eigenen Klangbedürfnisse zu optimieren. 

Lesen Sie dazu den folgenden Artikel, der in der NZZ am Sonntag erschienen ist:

 

Finetuning am Ohr

NZZ am Sonntag vom 28. April 2014
Per Mobiltelefon oder am Computer können Schwerhörige ihre Hörgeräte an ihre Bedürfnisse anpassen. Ärzte warnen aber vor Spielereien mit dem Gehör

Zwei dicke, beigefarbene Plasticteile hinter dem Ohr – und die Grossmutter hörte trotzdem nichts. Ständig pfeife es in ihren Hörgeräten, klagte sie, die Hörgeräte seien einfach Mist. Finetuning am Ohr

«Zum Glück kommen heute die meisten Schwerhörigen mit ihren Geräten gut klar», sagt Martin Kompis, leitender Arzt in der Audiologie am Inselspital Bern. «Denn es gibt viel bessere Techniken als früher.» Kompis’ Eindruck bestätigt eine Umfrage von 2010 unter 6027 Hörgeräte-Trägern in der Schweiz: 86,3 Prozent gaben an, sie seien «sehr» oder «ziemlich zufrieden». Doch 12,9 Prozent – das ist jeder achte – sagte, er sei unzufrieden.

Diese Menschen möchte Michael Stückelberger glücklicher sehen. Der Hörgeräte-Akustiker aus Zürich bietet seinen Kunden an, ihre Hörgeräte nach der Anpassung im Geschäft zu Hause selbst weiter einzustellen, Feintuning nennt er das. Das Anpassen mit dem Computer im Geschäft gehört zum Standard. Stückelberger erklärt seinen Kunden, wie er das macht, und die Kunden können zu Hause mit dem Laptop und der entsprechenden Software die Regler selbst verstellen.

So richtig gut finden es seine Kunden aber nicht. Gebessert habe sich nicht viel, erzählt ein 75-jähriger ehemaliger Informatiker, denn er könne das Gerät nicht immer dorthin mitnehmen, wo er nicht gut höre. «Wenn ich mit meiner Familie und Freunden zusammen bin, will ich doch nicht den Laptop herausholen und meine Hörgeräte programmieren», sagt er.

Es braucht eine Schulung

Eine App für das Mobiltelefon zum Einstellen würde Abhilfe schaffen. Der Umgang damit stecke aber noch in den Kinderschuhen, sagt Urs-Vito Albrecht, stellvertretender Direktor des Peter-L.-Reichertz-Instituts für Medizinische Informatik an der Medizinischen Hochschule Hannover. Albrecht leitet dort die Arbeitsgruppe MedAppLab, die sich mit den ethisch-rechtlichen Rahmenbedingungen beim Einsatz medizinischer Apps auseinandersetzt. «Probleme gibt es weniger wegen technischer Aspekte, sondern aufgrund der Rechtslage.»

Für die Selbsteinstellung müssen die Kunden eine Schulung bei Stückelberger machen und unterschreiben, dass sie ihn für etwaige Schäden nicht haftbar machen. «Hat der Akustiker den Kunden ausführlich aufgeklärt und kann er das belegen, wäre es sehr schwer, ihn haftbar zu machen», sagt Walter Fellmann, Professor für Medizinrecht in Luzern. Ihn von der Haftung voll auszuschliessen, sei aber gesetzlich nicht möglich.

Die Recherche nach guten Hörgeräte-Apps liefert magere Ergebnisse. Interessant tönt zunächst die SmartApp von ReSound. Gemeinsam mit dem Akustiker kann der Kunde spezifische Situationen für die ReSound-Hörgeräte programmieren und die Lautstärke definieren. «Wer zum Beispiel oft in Konzerte geht, kann seine persönlichen Einstellungen dieser Umgebung anpassen», erklärt Hans Peter Kreuchauf, Product Manager bei ReSound. «Ausserdem speichert die App dank GPS die programmierten Situationen und ruft diese automatisch wieder ab, wenn sich der Träger in derselben Lokalität befindet.» Das nütze in der Praxis wohl nur wenigen, sagt Stückelberger. «Ich gehe selten in die gleiche Konzerthalle oder in die gleichen Restaurants.»

Interessanter findet er, dass sich die ReSound-Hörgeräte über eine iPhone-eigene Technik fernsteuern lassen. Damit überträgt das iPhone zum Beispiel bei einem Vortrag Sprache aus grösserer Distanz. «Das ist neu», sagt Stückelberger. «Bei anderen Herstellern funktioniert das nur mit zusätzlichen Apparaten.» Das iPhone kann ausserdem Musik in Stereoqualität drahtlos auf die Hörgeräte übertragen, oder man kann Videogespräche in guter Qualität hören.

Einen anderen Ansatz verfolgen Wissenschafter aus Essex, Suffolk und Oldenburg. Das Team um Ray Meddis entwickelte eine App, die sich kostenlos über den iTunes-Store auf das Smartphone herunterladen lässt. «Wir haben uns am menschlichen Ohr orientiert und einen Algorithmus entwickelt», sagt Wendy Lecluyse von der Universität Suffolk. In die BioAid-App haben die Forscher sechs Standardeinstellungen programmiert. Der Benutzer kann per Touchscreen jene wählen, die am meisten auf sein Hörproblem zutrifft, und dann mit weiteren Einstellungen das Ausmass der Verstärkung optimieren. «Der Betroffene weiss am ehesten, was für ihn gut ist», sagt Lecluyse. BioAid funktioniert nicht in Verbindung mit einem Hörgerät, sondern nur mit den normalen Ohrstöpseln von Mobiltelefonen.

Programmierung per Knopfdruck

«Solche Apps können die Hörgeräteversorgung revolutionieren, vor allem in ärmeren Ländern», findet Michael Stückelberger. Das System ist preiswert und einfach. Ein Besuch beim Arzt oder Hörgeräte-Akustiker ist nicht mehr notwendig, der Betroffene kann einfach selbst ausprobieren. «Wir sagen nicht, dass BioAid den Kauf eines Hörgeräts oder Hörgeräte-Experten ersetzen kann», sagt Lecluyse. «Aber hat eine Mensch mit Hörproblemen BioAid ausprobiert, geht er vielleicht eher zum Fachmann.» Die Forscher in Oldenburg testen zurzeit neben BioAid weitere Algorithmen. «Hätte man alle diese Algorithmen auf dem Mobiltelefon, könnte der Konsument zwischen ihnen hin und her schalten und die für ihn beste Möglichkeit aussuchen», sagt Lecluyse. Per Knopfdruck würde sie dann im Hörgerät programmiert.

Ärzte mahnen jedoch zur Vorsicht. «Das Herumspielen bei der Hörempfindung ist nicht ungefährlich», sagt Roland Laszig, Chefarzt für Hals, Nasen, Ohren an der Uniklinik in Freiburg im Breisgau. «Stellt man das Gerät zu empfindlich ein, gelangt dauerhaft zu viel Schall auf das Ohr.» Das irritiere die Hörsinneszellen im Innenohr, und man werde noch schwerhöriger.

Martin Kompis vom Berner Inselspital hält eher das umgekehrte Problem für wahrscheinlich: dass jemand sein Gerät zu sehr drosselt und später unnötig unter der Verminderung seines Gehörs leidet. «Stellt man die Verstärkung der Geräte zu stark herunter, ist die Lautstärke zu tief, um leise Stimmen besser zu verstehen», erklärt er. «Dann ist man frustriert, weil man nicht besser hört – da nützt auch die beste App nichts.»

Felicitas Witte, Ärztin und Medizinjournalistin (www.felicitas-witte.de)