Musikhören mit Hörsystemen?

Ergebnisse unseres interdisziplinären Kolloquiums

Oberste Priorität für Menschen mit Hörminderung hat das Verstehen von Sprache. Deshalb ist die Hörgeräteindustrie auch so darum bemüht, ständig neue technische Innovationen zu entwickeln, die das Verhältnis von Gesprochenem zu Störgeräuschen (SNR, engl. Signal to Noise Ratio) optimiert. Doch was ist mit Musik? Musik ist anders als Sprache und kann auch mit den neusten Hörsystemen oft nicht hundertprozentig befriedigend wiedergegeben werden. Weil wir uns aber der Wichtigkeit von Musik bewusst sind, haben wir ein Symposium ins Leben gerufen, bei dem Fachleute aus aller Welt ihre Theorien und Forschungsergebnisse zu dieser Thematik vorstellten und diskutierten. Denn: Musik ist die Kür, die nach der Pflicht des Sprachverstehens kommt. Eben ganz getreu dem Motto unseres Veranstaltungsmottos: Beauty, not just function!

Den Auftakt der Vortragsreihe machte Dr. Marshall Chasin, der sich mit der Umwandlung des analogen in ein digitales Signal intensiver beschäftigte. Dabei fand er heraus, dass die besten Ergebnisse erzielt werden, wenn man eine möglichst vollständige Dynamik von Musik einfängt. Aber auch mit der Gehörschutz-Thematik, die gerade für Berufsmusiker eine wichtige Rolle spielt, hat sich der Spezialist auseinander gesetzt. Ein besonders hilfreicher Tipp für Gehörschutz in der Berufspraxis: Wenn sich Trompeter im Orchester auf ein Podest stellen, blasen sie über die Köpfe ihrer Kollegen hinweg und nicht in deren Ohren.

Dr. Marshall Chasin ist Audiologe und Direktor des Auditory Research Labors an der "Musician's Clinic of Canada" in Toronto. Er befasst sich seit 1981 mit Hörverlust und Hörgeräten für Musiker. Dr. Marshall Chasin hat verschiedene Artikel und Bücher zum Thema verfasst, unter anderem "Hear the Music", ein sehr praxisorientiertes, leicht zu lesendes Buch mit wertvollen Informationen und Tipps für Musiker mit Hörverlust. Das Büchlein kann kostenlos von seiner Webseite als pdf-download heruntergeladen werden. 

Webseite: http://marshallchasinassociates.ca/

Download: http://marshallchasinassociates.ca/pdf/Hear_the_Music_2010.pdf

 

Mit Gehörschutz beschäftigte sich auch Esther Merz, die das Symposium dazu nutzte, uns ihre Diplomarbeit vorzustellen. Dabei stellte sie den klangneutralen Gehörschutz ER-15 auf den Prüfstand und unterzog ihn an verschiedene Probanden dem Praxistest. Das Ergebnis: Selbst der klangneutralste Gehörschutz erzeugt je nach Ohrform unterschiedliche Dämmungen und bietet somit auch unterschiedlich hohen Schutz.

 

Auch in der Forschungsarbeit von Prof. Rudolf Probst spielt Gehörschutz eine wichtige Rolle. Er untersuchte das Suchtpotenzial von Musik und die dadurch entstehenden Hörschädigungen, die wiederum dringend nach einem speziellen Schutz verlangen.

Dr. Ulrike Stelzhammer dagegen setzte sich mit der Musikwiedergabefähigkeit von Cochlea-Implantaten auseinander. Durch Aktivierung benachbarter Elektroden sollen die Nerven feiner angesteuert werden und so ein optimiertes Musikerlebnis ermöglichen. Da Musik aber vor allem im Gehirn stattfindet, ist es für die CI-Träger ebenso wichtig, sich ein inneres Bild von Musik machen zu können.

Während Martin Eisele interessante Einblicke ins In-Ear-Monitoring – eine enorme Arbeitserleichterung vor und auf der Bühne - gab, entwickelte der Doktorand Martin Kirchberger eine Testbatterie, die die Schlüsseldimensionen der Musikwahrnehmung wie Harmonie, Metrik, Melodie und Timbre objektiver messbar macht.

Über eine Wahrnehmungsbibliothek, die aus unseren gesammelten Hörerfahrungen besteht, hat Jürg Jecklin referiert. Durch assoziative Muster kann die Wahrnehmung vervollständigt werden, um so ein möglichst authentisches Klangbild zu erzeugen. Ausserdem berichtete der Tonmeister über seine Erfahrungen mit der schwerhörigen, weltberühmten Percussionistin Eveline Greenie und stellte seine Erfindung, den „Wagner-tauglichen“ Kopfhörer, vor.

Symposium 2012 Intro und Zusammenfassung als pdf: download